Warum einen sicheren Job aufgeben?

Warum einen „sicheren“ Job in leitender Funktion, in der öffentlichen Verwaltung, an einer strategisch wichtigen Stelle als Energie- und Klimaschutzbeauftragter aufgeben und in die unsichere, unberechenbare, unbedankte und bescheiden bezahlte Politik wechseln? So ganz erschließt sich mir das auch nicht. Selbstverständlich gibt es aber Gründe, im Wissen, dass solche Lebensentscheidungen eine lange und vielfältige Entwicklungsgeschichte haben.

zu viel Stagnation

Seit Jahren scheut sich die Regierung wichtige Maßnahmen umzusetzen um energie- und klimapolitische Ziele zu erreichen. Es geschieht primär das, was leicht geht oder man – weil es zB die EU einfordert – tun muss. Die Weichen für die Erfolgsprogramme wurden vor dem Energieautonomiebeschluss gelegt. Das ist die Sanierungsförderung, die in der Finanzkrise vor allem als Wirtschaftsimpuls eingeführt wurde und die Förderung erneuerbarer Energieträger, wo wir brav unsere Programme runterstpulen. Klar, ich konnte auch in den letzten Jahren einige Dinge tun, die Spaß machten, wie ein paar spannende Studien in Auftrag geben, an der Kommunikationskampagne „Schritt für Schritt“ arbeiten. Ich war sehr oft in Wien in irgendwelchen Besprechungen, Gremien, Arbeitsgruppen, Beiräten, etc., was mir meist große Freude machte. Ich konnte mit wunderbaren Menschen arbeiten.

Die Zahlen sprachen eine zunehmend deutlichere Sprache. Die Ziele 2020 begannen – mit Ausnahme einiger Segmente – außer Reichweite zu geraten. Die Reaktion darauf bestand im Wesentlichen auf ein Infragestellen der Ziele selbst und durchaus auch einem Eingeständnis, dass da und dort mehr zu tun wäre. Wobei es aber auch weitgehend blieb. Aus meiner Sicht ist die Regierung immer davon ausgegangen, dass man die gesetzten Ziele mit einer – im Wesentlichen – Fortsetzung der bestehenden Anstrengungen erreichen könne. Durchaus im guten Glauben. Das ist aber ein grundlegender Irrtum. Die Ziele waren und sind eben keine lineare Fortschreibung. Sonst bräuchte man auch nicht wirklich einen Strategieprozess.

Das hat in mir zunehmend zu einem Infragestellen meiner eigenen Rolle geführt, da ich mich stets zumindest als mitverantwortlich für den Erfolg der Energieautonomie gesehen habe. Es hat sich zunehmend eine Unzufriedenheit mit meinen noch möglichen Handlungsräumen eingestellt. Für mich war auch nicht erkennbar, dass sich daran so bald etwas ändern wird.

Lobbys haben das Sagen

Der de facto Durchgriff einiger Lobbys ist in den letzten Jahren richtig schlimm geworden. Und das sage nicht nur ich. In Vieraugengesprächen bekommt man im Landhaus viele solcher Geschichten erzählt. Mehrfach war es so, dass – eben auch von mir – mit großem Aufwand Vorschläge ausgearbeitet wurden, mit der ganzen nötigen Beweisführung und Argumentationslinien. Mehrfach war es so, dass diese dann von Lobbyisten einfach abgelehnt wurden, oft genug ohne jede Analysen, Berechnungen, etc. Einfach deswegen, weil es einigen Herrn nicht in den Kram passte. Das Schlimme war, dass diesen „Einwänden“ in den allermeisten Fällen einfach entsprochen wurde. Was mir dabei nahe ging, war gar nicht so sehr, dass es Auffassungsunterschiede gab, oder ich mich mit meiner Position nicht durchsetzen konnte. Das muss man ein Stück weit auch aushalten können. Vielmehr war es das Vorgehen selbst und die Schwächung öffentlicher Interessen.

Zunehmend wurde dadurch meine Position geschwächt. Die Unberechenbarkeit der Entscheidungsfindung nahm zu. Dies hatte unter anderem auch die Folge, dass es für mich immer schwieriger wurde, in Verhandlungen – wo ich das Land nach außen zu vertreten hatte – eine Position einzunehmen, die sachlich einzunehmen gewesen wäre. Ich wurde immer unsicherer, was ich „zu Hause“ noch bestätigt bekommen werde.

Gestaltung

Mir macht es große Freude Strategien und Konzepte zu entwickeln, Prozesse zu designen und Maßnahmen zu entwerfen. Daher ist es für mich eine grundlegende Bedingung ein Umfeld zu haben, in dem das auch hinreichend möglich ist. Da geht es nicht um 100%. Aber die Balance muss stimmen.

Veränderung

Ich empfinde Veränderungen prinzipiell verlockend. Dementsprechend hat mich der Gedanke, noch 15 Jahre den gleichen Job zu machen, auch wenn es eine im Grunde tolle Aufgabe ist, nicht gerade mit einem Kribbeln erfüllt. In meinem Alter ist eine große Veränderung noch gut möglich. In ein paar Jahren sieht das wahrscheinlich schon wesentlich düsterer aus.

Klimaschutz ist gesellschaftlicher Wandel

Die Herausforderungen des Klimawandels und ebenso des Ziels Energieautonomie sind primär keine technischen Fragestellungen. Die Technologien sind weitgehend da. Um die CO2-Emissionen um 90% und mehr zur reduzieren ist vielmehr ein grundlegender gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Wandel notwendig. Einhergehend damit, müssen wir politische Entscheidungsgprozesse neu gestalten, um ein Mittragen der Bevölkerung zu erreichen. Für mich entwickelte sich zunehmend das Gefühl, zu „gefangen“ zu sein in meiner fachlichen Rolle.

Freiheit

Ich habe mich oft weit hinausgewagt. Auch in der Öffentlichkeit, was mir eine doch recht breite Medienpräsenz und Bekanntheit verschaffte. Trotzdem konnte ich oft nicht sagen, was zu sagen gewesen wäre. Manches geht als Landesangestellter einfach nicht. Das verstehe ich auch. Die Konsequenz ist, dass man sich überlegen muss, ob das für einen selber noch eine Balance hat.

 Unberechenbarkeit

Irgendwie ist das spannend. Nicht zu wissen was kommen und was werden wird. Sich einzulassen auf etwas Anderes. Das Kribbeln im Bauch und auch etwas Angst zu spüren. Der „Stress“ bestehen zu müssen. Aus der Offenheit Energie zu ziehen. Immer wenn ich das gewagt habe, war es eine Bereicherung.

 Schluss mit dem Geschimpfe

Es erscheint kaum mehr möglich, dass die Politikfrustration noch zunehmen kann. Es ist ja wirklich fast undenkbar nicht – immer wieder – den Kopf zu schütteln. Es ist gleichzeitig aber auch einfach. Es ist gleichzeitig auch sehr schmerzlich. Immerhin geht es letztlich um unsere Demokratie, um unseren Staat, darum wie die wichtigen Dinge geregelt sind. Ich wünsche mir seit langem die Politik zurück. Wünsche mir, dass sie wieder lenkt und gestaltet, uns, die Bürger, einbindet und diskutiert, ringt um die besten Lösungen für das Gemeinwohl. Schließlich ist sie die einzige legitimierte „Gewalt“. Und Politik, das sind letztendlich wir. Wir, der Souverän. Handeln, selber aussetzen, statt schimpfen. Ich kann mich nicht ständig beklagen, aber selber nicht berieit sein, auf die Bühne zu treten.

 Grün

Für mich sind die Grünen keine Religion, aber klar die Partei, mit der sich meine Haltungen am besten decken. Und auch eine Partei, die ihre Arbeit – in der Regel – fachlich sehr fundiert und mit hohem Anspruch macht. Und – bis heute gibt es keinen einzigen Fall von Bestechung, Korruption, einfaches Nachgeben Lobbys gegenüber. So hat sich mit den Jahren zunehmend eine Beziehung entwickelt, getragen vor allem von einem Vertrauensverhältnis zu Johannes Rauch. Irgendwann ist dann halt das Gespräch auf ein politisches Engagement bei den Grünen gekommen. Da hat sich Interesse seitens der Grünen mit Bereitschaft meinerseits getroffen. Und eines sei hier auch gesagt. In den ganzen Jahren waren die Grünen die einzigen, die immer wieder fragend und interessiert angeklopft haben. Bei manchen Energiesprechern bin ich mir nicht so sicher, ob sie wissen was eine kWh ist.

Freude

Die letzten Jahre waren keine Leidensgeschichte. Ich hatte einen wunderbaren Job in einem interessanten Umfeld. Kein Hadern. Es hat sich einfach ein Lebenswandel abgezeichnet und nun eine Chance aufgetan. Ich freue mich total darauf. Schon die letzen Monate waren sehr spannend und fordernd.

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